Weinprobe

Es war gegen 19:00 Uhr, Piet sollte gerade in sein Bett, als wir erkennen mussten, dass unser Sohn ein beachtliches Werk vollbracht hatte. Er war derartig kontaminiert, dass wir vier Hände brauchten, um Hose und Body in die „Sonderwäsche“ zu befördern. Als wir uns danach die Finger wuschen, machte sich Piet in das Wohnzimmer auf.

Da wir ihn eigentlich schon im Bett haben wollten, hatte ich das Wohnzimmer bereits „feierabend-tauglich“ vorbereitet. Keine Spielzeuge mehr auf dem Boden, der Fuhrpark ordentlich in der Ecke geparkt, die Bücher wieder im Regal und:

Ein Glas mit Rotwein auf dem Esstisch.

Das hatte Piet direkt als interessant erkannt, einen Schluck versucht, für widerlich befunden und dann den gesamten Inhalt großflächig über Tisch, Kissen, Rattanstühle und Boden verteilt. Meine Frau schnappte sich unseren Sohn, den wir ja keine Minute vorher umgezogen hatten, um ihn erneut umzuziehen und dafür zu sorgen, dass er nicht mehr nach Penner riecht. Ich selbst kümmerte mich um die zahlreichen Rotweinflecken, mit allem, was der Putzschrank so her gab.

Ich habe in der Ausbildung zur Kindertagespflegeperson gelernt, dass unsere Kinder Forscher sind und wir nur die Forschungsassistenten, aber warum musste ausgerechnet ich einen dickköpfigen, Regeln missachtenen, unglaublich neugierigen kleinen Professor erwischen? 🙂

Helikopter-Eltern = Helikopter-Papa?

Als ich heute auf sueddeutsche.de in einem Artikel den Begriff „Helikopter-Eltern“ las, dachte ich zuerst an etwas ganz anderes, als die offenbar richtige Definition. Als ehemaliger Produktmanager für ferngesteuerte Hubschrauber wäre die Bezeichnung „Helikopter-Papa“ ja durchaus passend gewesen.  Mit Helikopter-Eltern (Helicopter-Parents) ist aber etwas völlig anderes gemeint, etwas, das ich hoffentlich nie machen werde:

„Der Begriff Helikopter-Eltern stammt aus den USA und steht für besonders übervorsichtige Mütter und Väter, die ihre Kinder am liebsten rund um die Uhr bewachen und kontrollieren würden, ihnen nichts mehr zutrauen und aus Sorge um das kindliche Wohlergehen nur noch um den Nachwuchs kreisen – ähnlich wie ein Polizeihelikopter im Film über mutmaßlichen Verdächtigen. Helikopter-Eltern organisieren den kompletten Alltag der Kinder im Glauben, sie auf diese Weise am besten zu fördern.“ t-online.de

Wenn ich mit meinem Sohn auf den Spielplatz gehe, nehme ich immer ein Buch mit. Das Kind meldet sich schon, wenn er Wert auf meine direkte Anwesenheit legt. Auch tagsüber in der Wohnung wird er nur von mir bespaßt, wenn er darum bittet. Bei Gelegenheiten, wenn unser Kind auf andere Eltern trifft, sind immer alle total überrascht, wie erkundungsfreudig er ist und wie gut er sich alleine beschäftigen kann. Dafür braucht er auch kein spezielles Spielzeug, er ist durchaus schon kreativ. Er ist extrem neugierig und untersucht zurzeit wirklich alles, ja alles, ganz genau. Mein Vorgehen verstößt vielleicht für einige indirekt gegen den pädagogischen Auftrag zur Förderung der Kinder, der für Kindertagespflegepersonen (Tagesvater) sehr wichtig und verpflichtend ist.

Die Frage ist aber eben, wie fördere ich Kinder am besten?

„Der Druck zu fördern hat längst die Kleinkindpädagogik erreicht. Die aktuellen Orientierungs- oder Bildungspläne für Kindertagesstätten werden es Erziehern erschweren, freies und ungestörtes Spiel einzuräumen.“ t-online.de

Ich bin Verfechter des kalkulierten Risikos und des freien Spiels.

Freies Spiel fördert die Kreativität. Kinder müssen probieren dürfen und können, nur wenn es wirklich bedenklich wird, stehe ich an ihrer Seite, oder verhindere Schlimmeres. Die Vorstellung, jeden Schritt meines Sohnes zu überwachen, ihn nie aus den Augen zu lassen, finde ich nicht erstrebenswert. Oft beobachte ich ihn, ohne, dass er es merkt. Wenn er die Treppe hochkrabbeln will, darf er das, dabei stehe ich dann aber tatsächlich hinter ihm, wenn es aber nur vier Stufen sind, kann er das auch alleine probieren. Natürlich ist er dabei in meinem Blick, ich darf aber ruhig einige Meter weg sein. So bekommt er Selbstvertrauen und lernt seine Fähigkeiten gut einzuschätzen.

Freies Spiel braucht Muße und auch mal Langeweile, aber eben keinen Lehrplan.

 

Tipp: Genau damit befasst sich das Buch von Michael Winterhoff: Lasst Kinder wieder Kinder sein! Oder: Die Rückkehr zu Intuition