Nachts um halb drei

Wir haben die Fütterungszeiten ja untereinander aufgeteilt, vom „jede Stunde“ Rhythmus sind wir inzwischen weg, zum Glück. Aktuell haben wir:

  • 11:30 Uhr,  1. Schicht
  • 02:30 Uhr, 2. Schicht
  • 05:30 Uhr, 1. Schicht
  • 07:30 Uhr, 2. Schicht

Bei den Schichten wechseln wir uns ab, denn die 02:30 Uhr Schicht ist härter als alle anderen. Letztens war ich mal wieder dran, nachts um halb drei. Eigentlich schläft man noch, da es aber eine Stunde dauert, bis Piet satt ist und Ruhe gibt, muss man sich ja irgendwie beschäftigen. Ich hatte es mit Hörspielen (???), Filmen und Hörbüchern versucht, es war mir aber alles zu anstrengend. Also nutze ich die Zeit zum Nachdenken, dies führt, um diese Uhrzeit, zu seltsamen Gedankengängen.

Beim letzten Mal überlegte ich mir, bei welchem Ereignis in meiner Jugend mich Männer beeindruckt haben. Besser gesagt, an welche Erlebnisse ich, in diesem Zusammenhang, sehr starke und positive Erinnerungen habe. Ich dachte mir, die Erinnerungen, welche einem als erstens einfallen und die am klarsten sind, müssten ja auch die sein, die am meisten Eindruck gemacht haben, im positiven oder negativen Sinne.

Ich stellte mir in Gedanken eine „Top-Ten“ -Liste zusammen, eine Liste der besten Erinnerungen an Aktivitäten, bei denen mich Männer beeindruckt haben, sei es, dass sie mir etwas erklärten, sich für mich Zeit nahmen, oder spannende Dinge mit mir machten.

Ich kam darauf im Rahmen der Diskussionen, um die Wichtigkeit von Vätern und männlichen Erziehern bei der Betreuung von Kindern und Jugendlichen.

„Fehlt der Vater oder wird er, mangels Engagement oder Präsenz, vermisst, dann entwickeln sich bei
dem Kind Enttäuschungsaggressionen, die an anderen Personen – Erzieherin oder LehrerIn, oft an
Geschwistern oder der Mutter – abreagiert werden. Der Vater wird wie ein unerreichbarer Superstar
überidealisiert, obwohl er in seinem alltäglichen Verhalten für das Kind fast bedeutungslos ist.
Fälschlicherweise wird diese kindliche Haltung von Außenstehenden oft als Ausdruck einer „guten“
Vaterbeziehung gehalten, anstatt als das was sie ist, ein Ausdruck des Mangels oder ein Wunsch
nach mehr.“ Aus:  Infoblatt für Väter

Auch für mich war mein Vater ein „Superstar“, obwohl, oder eben vielleicht weil,  ich ihn bis zu meinem 12. Lebensjahr praktisch nie gesehen habe. Er war weg, bevor ich aufstand, er kam wieder, als ich Bett war und am Wochenende war er auf Messe oder Tennis spielen, weil er Zeit für sich brauchte. Ein für diese Vatergeneration nicht ganz unüblicher Tatbestand, da mache ich ihm sicher auch keinen Vorwurf daraus, mein Stiefvater hat sich im übrigen absolut ganz genauso verhalten.

Nach der Scheidung meiner Eltern war ich dann jedes Wochenende bei ihm, aber ich kann mich nicht erinnern, dass wir dann etwas besonderes unternommen hätten. In meiner Liste kommt er aber dennoch vor, in den Klammern steht das ungefähre Alter, in dem ich gewesen bin:

  1. Pilze, Beeren und Kräuter sammeln mit Onkel Herbert (6-10)
    Ich könnte heute noch ein Pilzgericht sammeln, an dem man nicht stirbt, es hat mir immer unglaublichen Spaß gemacht mit ihm durch den Wald zu ziehen. Heidelbeeren (Blaubeeren) sammeln und daraus Pfannkuchen backen war auch ein echtes Highlight, selbst der Löwenzahnsalat als Beilage hat mir geschmeckt.
  2. Angeln mit Onkel Herbert (6-10)
    Er hat mir gezeigt, wie man Aale und Forellen fängt. Urlaub auf dem Campingplatz an der Sauer war das Größte für mich, interessanter Weise haben seine eigenen Kinder nicht so viel damit anfangen können. Man will vermutlich immer ganau das, was man gerade eben nicht hat.
  3. Mein Opa schenkt mir das „Große farbige Tierlexikon von 1982“ (6)
    Ein tolles Buch, ich habe als Kind Stunden damit verbracht. Hoffentlich macht es Piet auch so viel Spaß wie mir, ich konnte meine Ausgabe erstaunlicherweise im Internet nicht finden.
  4. Unser Nachbar Hermann-Josef zeigt mir im Urlaub auf Baltrum, wie man zeichnet. (13)
    In diesem Urlaub war ich alleine mit den Nachbarn samt deren Kindern unterwegs, da konnte kein Urlaub im Robinson-Club mithalten. Leider war ich nicht besonders talentiert im Umgang mit dem Bleistift.
  5. Hermann-Josef töpfert mit mir und erklärt mir dabei vieles, was dazu gehört (10-11)
    Ich glaube, auch in diesem Fall, waren seine eigenen Kinder nicht so davon  begeistert, aber mir hat es Spaß gemacht.
  6. Uli, ein weiterer Nachbar, erklärt mir in seiner Werkstatt seine Erfindung und fährt mich anschließend mit seinem 7er BMW nach Hause (11)
    Es handelte sich um ein computergesteuertes Fließband, in Zeiten des C64 und Amiga 500 unheimlich spannend für mich, der Wagen hat mich damals auch beeindruckt.
  7. Herr Schäfer, ein Verkäufer in der Firma meiner Eltern, erklärt mir, wie man erfolgreich Uhren an den Mann oder die Frau bringt. (12)
    Mit zwölf Jahren habe ich zum ersten Mal in der Firma „mitgeholfen“ und so mein Taschengeld aufgebessert.
  8. Mein Onkel Uli erzählt mir, bei einer 1,5 Liter Flasche Weißwein, wie er seine erste Million gemacht hat. (18)
    Zugegeben, nicht mehr ganz jugendlich, ab die Geschichten von Onkel Uli waren immer spannend und sind mir sehr gut im Gedächtnis geblieben, auch, als ich noch viel jünger war, da eben nur ohne Wein. 😉
  9. Onkel Herbert zeigt mir, wie man am Lagerfeuer Flammenwerfer mit natürlichen Gasen erzeugt. (6-10)
    Völliger Nonsens, aber ein Riesenspaß.
  10. Mein Vater bringt mir Radfahren bei und schiebt mich bei der Gelegenheit mit Schmackes vor die Laterne. (5)
    Wie sich diese Woche herausstellte, hat er das meiner Mutter nie erzählt. 🙂

Als ich mir die Liste so betrachtete, wurde mir klar, dass nicht unbedingt mein Vater mich wirklich beeindruckt und beeinflusst hat, obwohl ich ihn nach außen immer als Supermann dargestellt habe.
Ich sollte den Menschen danken, die seinen Job, zumindest bis zu einem gewissen Alter, teilweise für ihn gemacht haben.

Leider ist Onkel Herbert, mein Patenonkel, seit vier Jahren verstorben, da bin ich zu spät dran. Erst jetzt habe ich wirklich um ihn getrauert, ich musste wohl erst selbst Vater werden, um zu kapieren, was er für ein toller Mensch und Mann gewesen ist.

Auch unser Nachbar Uli und mein Onkel Uli (eigentlich der Mann der Tochter der Cousine meiner Oma, in Ermangelung eines echtes Onkels war er eben Onkel Uli) sind bereits lange tod.

Aber Hermann-Josef ist noch da und dies hoffentlich noch sehr lange, sobald er aus dem Urlaub zurück ist, muss ich den unbedingt mal anrufen. 😉

Ich hoffe, wenn mein Sohn mit 35 Jahren so eine Liste aufstellt, komme ich häufiger darauf vor, aber vielleicht hat es ja auch was gutes, wenn verschiedene Männer Einfluss auf die Erziehung nehmen.

Ob die Kinder von „Baer Grylls“ wohl gerne Zelten gehen?

4 Gedanken zu „Nachts um halb drei#8220;

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