Michael Winterhoff: Lasst Kinder wieder Kinder sein! Oder: Die Rückkehr zu Intuition

Als ich mich für dieses Buch entschied, wollte es bei „Blogg dein Buch“ keiner außer mir lesen. Aber das Thema des Buches schien perfekt zu meinem Blog zu passen, also bestellte ich es. Michael Winterhoff ist Kinder und Jugendpsychiater, der Buchtitel suggerierte mir ein Buch über intuitive Erziehung, das fand ich interessant. Als ich das Buch dann in den Händen hielt und die Rückseite las, wurde ich etwas stutzig, denn was dort stand hatte mit dem Titel auf den ersten Blick nicht viel zu tun. Auf den Zweiten übrigens auch nicht. 😉

Michael Winterhoff

Michael Winterhoff

„In seinem neuen Buch wendet sich der erfahrene Kinder- und Jugendpsychiater und Bestsellerautor Michael Winterhoff den Erwachsenen zu und fragt, warum es für immer mehr Erwachsene nicht mehr möglich ist, eine angemessene, von unbewussten Belastungen freie Beziehung zu anderen Menschen – und damit auch zu (ihren) Kindern – aufzubauen. Für Winterhoff liegt das Kernproblem darin, dass der Mensch seine innere Ruhe verloren hat. Die allgegenwärtige Penetration mit Negativnachrichten – verbunden mit einer vielfachen persönlichen Überforderung durch gesellschaftliche und technische Entwicklungen sowie einer Destabilisierung der eigenen Lebensverhältnisse – erzeugt eine Art Massentraumatisierung: Der Mensch wird rastlos, handelt nicht mehr ruhig und zielgerichtet, findet keinen Weg mehr aus dem sich ständig beschleunigenden Hamsterrad. Psychisch defizitäre, auf Dauer gehetzte Menschen aber werden die Grundpfeiler unseres Zusammenlebens nicht mehr tragen können. Dabei zerstört Winterhoff zwar das Trugbild einer grenzenlosen Freiheit, in der wir uns heute wähnen, weist aber auch Wege aus dem Dilemma auf. Aus seiner Analyse heraus entwickelt er Alternativen, die eine Rückkehr zum intuitiven Verhalten ermöglichen – auch und vor allem gegenüber unseren Kindern, damit Kinder endlich wieder Kinder sein dürfen.  Gütersloher Verlagshaus

Was soll ich sagen, der Buchrücken trifft es genau. Leider steht für mich auf den 205 Seiten auch nicht viel mehr drin. Na gut, das war ein wenig gemein und unfair, denn ich fand das Buch eigentlich gut. Ich lese „Lebensratgeber“, wie die Bücher der Simplify-Reihe, eigentlich ganz gerne. Auch „Die Kunst frei zu sein“ habe ich gelesen und noch einige andere Bücher aus dieser Kategorie. Der Vergleich liegt auf der Hand, auch Herr Winterhoff sieht die Ähnlichkeiten mit diesen Büchern, geht aber weiter nicht darauf ein. Ich möchte an dieser Stelle nicht weiter auf seine Thesen eingehen, wie gesagt, der Buchrücken trifft es.  Lieber schreibe ich hier, was das Buch bei mir „bewirkt“ hat.

Wie oft, wenn ich diese Art Bücher lese, fühlt man sich ertappt. Das ist sicherlich von den Autoren auch gewollt. Einige Dinge regen einen daher immer zum Nachdenken an, auch „Lasst Kinder wieder Kinder sein“ hat dies erfolgreich geschafft. Früher habe ich morgens als erstes immer die Nachrichten angeschaltet und auf dem Sofa gefrühstückt. Das habe ich mir nun erfolgreich abgewöhnt, als ich, wie ein Beispiel aus seinem Buch, den Totes-Counter im Kopf mitgezählt habe. Definitiv zu viele Tote, die einen nervös machen, ich muss wirklich nicht jeden Verkehrsunfall mitbekommen, denke ich. Passend dazu die Katastrophenmeldungen, die regelmäßig einschlagen. In diesem Fall ein Kreuzfahrtschiff, das die Kurve nicht bekommen hat. Auf einem Nachrichtensender stand stets oben links „Schiffskatastrophe“ „LIVE“, gerade als ich das entsprechende Kapitel gelesen hatte. O.K., ein Punkt an das Buch, er hat nicht übertrieben, es ist wirklich genau so. Also: Glotze aus. Ich habe wirklich seit einigen Wochen nur noch wenige Nachrichten gesehen. Stattdessen habe ich mir die wirklich interessanten Themen als RSS-Feed aboniert, das verstößt zwar gegen die „immer on“ Klausel des Buches, aber ich bekomme nur „gute“ Nachrichten zu Themen, die ich wichtig finde. Katastrophen bleiben so draußen. Ob sich das nun positiv auf meine Psyche auswirkt, wage ich nicht zu beurteilen, aber vermissen tue ich die Nachrichten kein Stück.

Das oben beschriebene „Hamsterrad“ habe ich für meinen Teil bereits verlassen, als ich in Elternzeit ging. Der Definition des Buches nach bin ich aber noch darin gefangen, da ich den ganzen Tag „online“ bin und dies, obwohl ich jeden Tag eine Stunde spazieren gehe und dann auch kein elektronisches Gerät dabei habe. Die eine Stunde „nichts“ machen ist quasi ein Test, den bestehe ich zumindest. Im Buch kommt auch ein Vergleich der Arbeitswelt früher und heute vor, über den ich selbst auch länger nachgedacht habe, meine Schlüsse daraus sind allerdings andere. Ob die Ratschläge tatsächlich zu einer stabileren Psyche bei seinen Kindern führen, kann ich nicht beurteilen, zumindest wage ich es zu bezweifeln. Dennoch werde ich einige Ratschläge beherzigen, denn schaden kann es sicher nicht.

Was nun mein Fazit angeht, wird es etwas kompliziert. Als Lebensratgeber bekommt das Buch von mir vier Sterne, als Erziehungsratgeber zwei. Der Titel ist meines Erachtens völlig daneben, passender wäre „Im Katastrophenmodus“ oder „Im Hamsterrad“ gewesen, denn Kinder kommen nur am Rande in dem Buch vor. Der Qualität des Buches hätte ein anderer Titel sicher nicht geschadet, mit dem Aktuellen kommt aber eine falsche Erwartungshaltung einher. Daher gibt es von mir drei Sterne als Kompromiss.

 

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