Hüttenkoller

Vor einigen Tagen lief die Wiederholung einer Reise-Dokumentation auf  „Phoenix“, der Titel ist „Durch die Wildnis Amerikas“. Ein wirklich gut gemachter Bericht über den Appalachian Trail (AT), den längsten (gekennzeichneten) Wanderweg der Welt. Obwohl ich den Bericht bereits kannte, bekam ich schon beim Ansehen extremes Fernweh.

Auf dem „Trail“ geht es darum, sich die Füße wundzulaufen, von Mücken und Zecken gefressen zu werden, sein Essen gegen Bären zu verteidigen und fünf Meter gegen den Wind zu stinken. Eigentlich sind das nicht gerade erstrebenswerte Aussichten. Dennoch hatte ich danach das Gefühl, dass mir zu Hause die Decke auf den Kopf fällt.

Mit diesem Problem bin ich nicht alleine, wie sich nach einer kleinen Recherche herausstellte. Eigentlich meint man ja immer, mir passiert das sicher nicht und so schon gar nicht, ich bin ja ein Mann. 🙂

 

„Das erste Elternjahr gleicht einer Berg- und Talfahrt: wunderschön und faszinierend, doch gleichzeitig auch kräftezehrend und manchmal entmutigend. […] Kurz gesagt, neben diesem unbeschreiblichen Glück, ein Baby zu haben und dieser bedingungslosen reinen Liebe zum Kind schleicht sich bei frisch gebackenen Müttern [und Vätern, die zu Hause bleiben]immer wieder das Gefühl ein, das Leben nicht mehr im Griff zu haben.Ja zum Baby

 

Wie konnte das passieren? Klar, die sozialen Kontakte von der Arbeit sind praktisch futsch. Die Hälfte unserer Freunde kann mit kleinen Kindern genauso viel anfangen wie ich, bevor ich Vater wurde, also nichts. Die andere Hälfte hat meist schon länger Kinder und somit einen eigenen, erweiterten Freundeskreis oder geht arbeiten. Alle erdenklichen, potentiellen Freizeitaktivitäten für meinen Sohn machen gerade Sommerpause, ebenso meine Tanzschule. Die letzten Tage war schlechtes Wetter und ich war daher besonders wenig unterwegs. Andere, neue Mütter und Väter mit Kindern im gleichen Alter habe ich noch nicht kennengelernt, wie und wo auch.

Als ich noch darüber nachdachte, wie ich bloß aus dieser Situation herauskomme, riefen, wie auf Wunsch, die einzigen Freunde an, die auch gerade wieder ein kleines Kind bekommen haben. Wir verabredeten uns für heute Nachmittag zum Spazieren gehen mit den Kids im Naturschutzgebiet und anschließendem sit-in am Rhein.

Schon mal ein guter Anfang. Da mir gestern Abend das Rolloband an der Balkontür gerissen war, plante ich direkt noch am Vormittag eine kleine Fahrradtour zum Baumarkt und einen anschließenden Besuch im Supermarkt.
Heute Morgen machte ich mich mit Piet gegen 9:00 Uhr auf. Wir waren zwei Stunden unterwegs, legten 14 Kilometer zurück und waren gut gelaunt gegen 11:00 Uhr wieder zu Hause.

Die gute Laune schwand leider schnell dahin, als ich begann, mich mit dem Ersetzen des Rollobandes zu beschäftigen.  Eine Stunde später hatte ich es vollbracht. Wer das konsturiert hat, sollte auf ewig im Baumarkt den Leuten sagen müssen, wo sie was finden. Unglaublich, hätte man etwas nachgedacht, könnte man das sicher auch so bauen, dass in fünf Minuten alles erledigt wäre. Zum Glück halten die Bänder gut zwanzig Jahre, bis dahin brauchen wir eh auch neue Fenster. 😉

Gegen zwölf war Piets Geduld vorbei, er nörgelte. Wir hangelten uns so durch, bis gegen 14:30 Uhr unsere Freunde kamen. Zuvor brachte noch der Postbote ein Päckchen von Amazon.co.uk, wo ich das Buch „A walk in the woods“ bestellt hatte, ein Reisebericht zum „AT“. Das Buch habe ich gebraucht für etwas über einem Euro bekommen, dazu kommen fünf Euro Versand, macht also rund sechs Euro für das Buch im top Zustand mit Hardcover. Das Paperback auf deutsch, „Picknick mit Bären„, kostet 8,99 Euro.  Ich höre schon wieder meine Frau „Sparbrötchen“ rufen. 🙂
Mal wieder ein Buch im Original zu lesen, kann nicht schaden, ich habe ohnehin schon das Gefühl, langsam zu verblöden.
Außerdem ist die Cousine meiner Frau immer ein dankbarer Abnehmer für englische Bücher, doppelt gespart.

Kaum saß unser Sohn im Tragesitz, war er auch schon glücklich und ruhig. Auch ihm passt es überhaupt nicht zu Hause zu sein und die Decke anzustarren, kann man ja auch echt nachfühlen. Wir waren recht lange unterwegs, gegen 17:00 Uhr wollte Piet aber was essen und eine neue Windel. Also verabschiedeten wir uns und gingen hoch in unsere Wohnung. Die Flasche war kaum leer getrunken, da ging das Gebrüll wieder los. Gegen 18:00 Uhr befriedigte ich ihn mit einer Karotte und bespaßte ihn danach so gut es eben ging. Nach dem dritten Anlauf, ihn ins Bett zu bekommen, klappte es endlich.

19:00 Uhr, ich habe Feierabend. Zeit ein Buch zu lesen und auf den Anruf meiner Frau zu warten, die ist noch unterwegs und kommt erst Morgen wieder.

Linktipp: Reisebericht von zwei deutschen Frauen auf dem Appalachian Trail im National Geographic, online, mit vielen schönen Fotos.

2 Gedanken zu „Hüttenkoller#8220;

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