Ein Opa weniger

Ein stolzer Opa und sein Enkel.

Plötzlich und völlig unerwartet ist mein Vater mit 75 Jahren verstorben.

Nicht nur für meine Frau und mich war dies ein großer Schock, auch unseren Sohn hat es hart getroffen. Auf der Liste seiner Lieblingsmenschen kam Opa Werner direkt auf Platz drei, unmittelbar nach uns.

Auch für meinen Vater war sein Enkel so ziemlich das Beste, was er sich vorstellen konnte.

Regelmäßig kam Opa zum Abendessen, mir brachte er die aktuellen Unterlagen der Buchhaltung seines Fotogeschäfts, die ich nebenbei noch für ihn betreute, mit, für seinem Enkel hatte er stets Überraschungseier dabei und nicht selten auch Bastelsachen, sowie Geschenkartikel, die er in seinem Laden übrig hatte: Alte Geschenkpapierrollen, Geschenkbänder, Karten und farbige Kartonagen, die sich bei unserem Kind größter Beliebtheit erfreuten.

Zu Weihnachten und zum Geburtstag legte Opa immer noch einen drauf und torpedierte unser Konzept des „betreuten Schenkens“ nach Kräften, auch das letzte Weihnachtsfest bei uns zu Hause war da keine Ausnahme:

Die größten Lego-Sets hatte Opa Werner mitgebracht.

In den letzten Tagen versuchten wir daheim immer eine Gratwanderung aus einer möglichen Teilhabe unseres Kindes an den Formalitäten eines Sterbefalls und der Abschottung vor zu viel Erinnerung. Wenn ein geliebter Mensch stirbt kommen immer zahlreiche Erinnerungen hoch, dies lässt sich nicht vermeiden, dazu zählen die guten aber eben auch die weniger guten Dinge.

Opas Tresor als Andenken

Unser Sohn wollte unbedingt noch einmal die Wohnung vom Opa sehen und sich ein Erinnerungsstück aussuchen.

Er entschied sich für Opas kleinen Tresor, keine Pointe.

Ich fand das durchaus passend, denn auch ich habe die Geldkassette meines Großvaters an mich genommen, als dieser verstarb.

Auch an dem Trauerbrief wollte er sich beteiligen und steuerte ein selbst gemaltes „Herzkreuz“ bei, das heute in den Druck gegangen ist. Dazu kommt noch ein letztes Bild von seinem Enkel mit in die Urne.

Ich versuchte mich derweil erneut als Dichter, denn ich konnte mit den vorgefertigten Sätzen, die zur Auswahl standen, einfach nichts anfangen. Zuerst wurde es ein recht klassisches Gedicht, aber am Ende entschied ich mich für ein Haiku.

Die eine Uhr ohne Garantie.
Ein Augenblick der Ruhe.
Tränen am Morgen.

Insgesamt war ich sehr überrascht, wie gut unser Sohn diese Erlebnisse verkraftet hat. Ich war viel älter, als mein Großvater starb.

Für uns bleibt derweil mehr als genug zu tun, denn ich bin plötzlich wieder Eigentümer eines Fotogeschäftes, ein Kapitel meines Lebens, das ich abgeschlossen glaubte, dazu kommen die üblichen privaten Dinge, die noch zu regeln sind.

Insgesamt beginnt das Jahr 2020 für uns recht heftig.

Ein Gedanke zu „Ein Opa weniger

  1. Hallo „Vollzeitvater“

    Ich kann deine Erfahrung sehr gut nachempfinden. Meine Mutter und Oma meines 6-jahrigen Sohnes ist vor drei Wochen verstorben.
    LG und weiter so!

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