Der Kommentator

Wir machen uns regelmäßig einen Spaß daraus, zu mutmaßen, was unser Sohn eines Tages werden wird. In letzter Zeit fällt vermehrt auf, dass er uns in Grund und Boden quatscht. Er kommentiert alles, was er so macht, er redet ununterbrochen:

„So, jetzt setzte ich den Fuß vor den anderen und so komme ich dann da rauf, jetzt drehe ich mich um, dann pflücke ich eine Blume…“

Im ersten Moment mag man das niedlich finden, aber 12 Stunden ohne Unterbrechung, das ist kaum zu ertragen. Ich musste unwillkürlich an meine Oma denken, als mir das klar wurde. Die redete auch von morgens bis abends auf einen ein. In dem alten Haus konnte man vor ihrer Stimme auch nie entfliehen, sogar wenn meine Oma im Kartoffelkeller war und ich selbst auf dem Dachboden, man hörte sie, immer. Böse Zungen behaupten, mein Großvater wäre so früh verstorben, weil er einfach mal seine Ruhe haben wollte.

Wie dem auch sei, unser Kind redet unaufhörlich. Zuerst dachten wir, es läge am Kinderentzug am Wochenende, bis uns klar wurde, dass er mit anderen Kindern gar nicht reden will, mit denen will er spielen, was er dann ja auch macht.

Seine 50.000 Worte täglich wird er lieber bei uns los.

Wir sind schon so verzweifelt, dass wir Regeln einzuführen, bei denen ich mich früher immer gefragt habe, warum Menschen so etwas tun. Ich denke da zum Beispiel an: „Bei Tisch wird nicht gesprochen“, oder „den Fahrer während der Fahrt nicht ansprechen“.

Da wir in etwa zeitgleich Probleme hatten, ihn in sein Bett zu bekommen, hatte meine Frau eine tolle Idee. Sie setzt sich einfach abends an sein Bett und hört ca. 30 Minuten seinem Monolog zu, dann geht sie. Das funktioniert, seitdem bekommen wir ihn viel einfacher in sein Bett und steht auch nicht mehr auf.

Er wird wohl Kommentator.

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