„Da hast du noch viel vor“

„Da hast du noch viel vor!“ Diesen Satz höre ich in den letzten Wochen recht regelmäßig, immer dann, wenn ich jemandem in meinem Bekanntenkreis mitteile, dass ich auf die Bühne möchte. Ich könnte es auch keinem übel nehmen, der einfach sagen würde: „Das schaffst du nie.“

Alle Chancen stehen gegen mich, ich weiss das selbst. Ich habe noch nie eine Wettkampfvorbeitung im Bodybuilding gamacht, noch nie auf einer Bühne gestanden und genaugenommen, noch nie eine gute Figur gehabt.

Das alles bringt allerdings meinen Entschluss nicht ins Wanken. Die Menschen, die mir mit dem Satz vorsichtig mitteilen wollen, dass ich kaum eine realistische Chance habe, kommen alle aus dem Kraftsport- und Bodybuilding-Bereich, wissen also, was eine Wettkampfvorbereitung so mit sich bringt und haben Ahnung davon.

„Warum möchtest du das machen?“ Höre ich mindestens ebenso oft. Von aktiven Sportlern, teilweise mit Bühnenerfahrung aber auch von Leuten, die keine Anhung vom Bodybuilding haben. Genaugenommen eine gute Frage, denke ich dann jedesmal. Sicher nicht, weil ich mich endlich mal mit einem Roller aus dem Baumarkt anmalen lassen möchte. Warum tut sich jemand so was an? Warum möchte ich mir so was antun?

Wettkämpfe habe ich in meinem Leben viele gemacht, im Judo, Kendo, Kugelstoßen, Speerwerfen, Diskus, alles schon lange her. Keinen Sport habe ich so lange ausgeübt, wie das Krafttraining an sich. Ich fand, es wurde Zeit für einen Wettkampf. Auch im Kugelstoßen bin ich kein deutscher Meister geworden, wusste auch, dass ich es nie werden kann, von Wettkämpfen hat mich das nicht fern gehalten. Wer einen Sport macht, möchte sich messen, oder nicht?
Die logische Konsequenz für mich ist, nach über zwanzig Jahren Training, endlich den ganzen Weichzeichner zu entfernen und mal nachzusehen, was überhaupt übrig bleibt.

Vielleicht ist es auch nur die natürliche, männliche Gegenreaktion zu meinem „Mutti-Dasein“. Jeder braucht einen Ausgleich und beides sind Extreme.

Mein unmittelbares Umfeld reagiert sehr unterschiedlich auf meinen Entschluss. Meine Frau steht voll hinter mir, sonst wäre an eine Wettkampfvorbereitung auch gar nicht zu denken. Sie erträgt meine Launen, die durch die harte Diät sehr stark schwanken, mit beeindruckender Ruhe und Gelassenheit. Meine Freunde sind ehrlich genug, um mir in einigen Wochen sagen zu können, ob es hinhaut, oder ob ich es besser sein lasse. Die meisten glauben wohl nicht, dass ich es hinbekomme, insgesamt über 30 kg abzunehmen und eine Bühnenform zu erreichen. Natürlich habe ich vor, das Gegenteil zu beweisen und bis zum Entschluss zur Teilnahme im Schwergewicht oder dem Classic BB die 25 kg-Marke Ende September zu knacken. Leider habe ich selbst bei vielen kräftigen Leuten gesehen, dass ein breiter Rücken noch lange keine gute Form garantiert. Nur weil jemand viel Gewicht verliert, sieht es noch lange nicht gut aus. Vor dem Ergebnis habe ich etwas Angst, ich finde mich bereits jetzt im Spiegel fürchterlich schmal und es sollen noch bis Mitte Oktober mindestens 10 Kg runter.

Wenn wir eingeladen sind, bringe ich mein Essen selber mit, oder esse eben nichts, was nicht unbedingt einfacher ist. Zu erklären, dass ich ja nicht NUR eine Diät mache, sondern eine Wettkampfvorberitung in Angriff nehme, ist meist aufwendig und wird gerne auch torpediert. Ich möchte gesellschaftliche Anlässe aber auch nicht meiden müssen. Eine echte Gradwanderung, ich bin ja auch keine zwanzig mehr und habe Familie.
Ich habe oft den Eindruck, es wäre einfacher, in sechs Monaten einen Marathon zu laufen. Den traut man mir, aus welchem Grund auch immer, irgendwie eher zu. Wieso ist das nachvollziehbarer? Ich bin noch nie in meinem Leben weiter als 3000 Meter am Stück gelaufen und ich wog bis vor kurzem deutlich über 120 Kg. Jeder, der mich etwas kennt, weiß das. Wie kommen die darauf, über 40 Km Laufen für ein realistisches Ziel zu halten, aber 5% Körperfett nicht?

Vielleicht ändert sich das ja in wenigen Wochen.

 

 

 

 

Ein Gedanke zu „„Da hast du noch viel vor“

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