„Bloß kein Druck“

Bei uns in der Familie ist die Formulierung „bloß kein Druck“ ein sarkastischer Ausdruck für genau das Gegenteil, und dies schon lange bevor Piet da war. Immer wenn die Vorgesetzten einem erzählen, dass sie ja keinen Druck aufbauen möchten, tun sie in der nächsten Minute genau das: „Ich möchte sie ja nicht unter Druck setzen, aber das muss heute noch raus…“

Vermutlich kennen solche Situationen die meisten Leser des Blogs, es gibt ja auch zahlreiche Ratgeber in Buchform, wie man damit umgehen soll. Wir verwenden die Redewendung immer dann, wenn wir uns über uns selbst, oder auch über Kommentare von anderen in unserer Nähe lustig machen. Seitdem wir Eltern sind, hat dies eine neue Qualität erreicht.

Als Kindertagespflegeperson hat man ein klar definierten Förderauftrag, um diesen erfüllen zu können, muss man viel beobachten und vergleichen. Naturgemäß machen das alle Eltern, die pädagogische Fortbildung hilft jedoch, ein möglichst realistisches Bild zu erstellen und vor allem, von allen Seiten zu beobachten. Wenn man einmal gewohnt ist, darauf zu achten, macht man es immer. Einmal Tagesvater, immer Tagesvater.

„Mein Kind kann das und das schon lange…“ ist eine typische Formulierung von Eltern, die man auf Spielplätzen trifft. Wir sind da keine Ausnahme, viel wichtiger ist es aber zu erkennen, was das Kind noch nicht kann und es genau an dieser Stelle ein wenig fördern. Unser Sohn ist für sein Alter sehr aktiv und klettert gerne. Da er die meiste Zeit mit mir verbringt, darf er auch im Vergleich recht viel und lernt es dadurch natürlich auch umso besser. Fördern muss ich ihn zum Beispiel in ruhigen Dingen, wie Puzzeln, mit Bausteinen spielen, oder Bücher „lesen“. Da hat er ein kleines Defizit.

Wenn wir auf den Spielplätzen sind, fällt anderen Eltern meist auf, was ihre Kinder im Vergleich zu Piet motorisch noch nicht können. Bis zu einem gewissen Alter der Kinder spielt das auch keine Rolle, irgendwann kommt aber der Punkt, wo es eben nicht mehr „normal“ ist. Mit 18 Monaten muss ein Kleinkind noch keine 4 Meter Rutsche alleine hochklettern, auch wenn Piet das mit Vorliebe macht. Übrigens sehr sicher, ich bin zwar immer in der Nähe zum Sichern, aber er darf alles austesten. Er rutscht erstaunlich selten ab, viel seltener als ich Schnappatmung bekomme. 🙂

Ich bin zwar auch stolz auf meinen Sohn, aber manchmal wäre es mir lieber, er würde mit den anderen 12 Kindern einfach nur im Sandkasten spielen.

Als meine Frau mit unserem Sohn gestern auf dem Spielplatz des Kinderbauernhofes war, bekam sie eine typische „bloß-kein-Druck-Situation“ mit. Ein Junge, der doppelt so alt war wie Piet, traute sich nicht alleine auf die Rutsche zu klettern und anschließend traute er sich nicht zu rutschen und hielt sich krampfhaft fest. Unser Sohn war noch in einer Pfütze beschäftigt, eigentlich war es ein kleiner See, als er begriff, dass da noch eine Rutsche steht, von der aus man super in die Pfütze (See) rutschen kann. Sofort rannte er los, erstürmte die Rutsche, schubste den anderen Jungen auf Seite, rannte zur Kannte ohne sich festzuhalten, setzte sich hin und stürzte sich mit lautem Jubelgeschrei in die Tiefe. Der Vater des anderen Jungen stand mit offenem Mund daneben. Als er seine Fassung widererlangt hatte, sagte er zu seinem Sohn:

„Schau mal, das kleine Baby kann das auch schon, du musst das jetzt auch können!“

Bloß keinen Druck. Die Reaktion des Vater halte ich für völlig unangemessen, denn dieses Defizit, und es ist tatsächlich eines, hat sich ja langsam heraus gebildet. Jetzt von seinem Sohn zu verlangen auf einmal freihändig zu Rutschen, ist vergleichbar damit, einem Analphabeten zu sagen, er soll jetzt sofort ein Buch lesen. Nur weil Rutschen motorisch ist, ist es nicht einfacher. Um es mit den Worten von Frau Pickler zu sagen: „Lass es mich selbst tun, lass es mich selbst versuchen.“ Bei dem Satz hatte sie recht, auch wenn ich von ihrer Wickelmethode immer noch nicht viel halte. 🙂

2 Gedanken zu „„Bloß kein Druck“#8220;

  1. Stimmt genau. Bei dem Vater von der Rutsche kam wahrscheinlich der sportliche Ehrgeiz vieler Menschen zum Vorschein, die glauben, schon ihr Kind müsse sich mit anderen jederzeit messen können. Und was die Förderung der Bücherliebe bei Piet betrifft…da hätte ich schon so die eine oder andere Idee 🙂

  2. Pingback: “Ich bin heute geboren” | Vollzeitvater

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