20 Minuten

Bisher ist im Bereich „Tagesvater“ auf dieser Homepage, in der Rubrik „Pädagogisches Konzept“, noch nicht viel Inhalt zu finden. Das hat einen guten Grund, denn die pädagogische Ausbildung startet erst im Modul 2 meiner Ausbildung zur Kindertagespflegeperson. Der erste Abend für den zweiten Teil fand diese Woche Montag statt, am anderen Ende von Neuss.

Es ist eine komplett neue Gruppe, alle haben den Teil 1 bereits abgeschlossen, das heißt alle Teilnehmer haben bereits die Berechtigung eine Pflegeerlaubnis zu beantragen. Wie im ersten Kurs, habe ich auch diesmal auf Anhieb nur wenige der anwesenden Tagesmütter für meinen eigenen Sohn als passend eingestuft. Irgendwie erschreckend. Ich bin übrigens wieder der einzige Mann in der Forbildung. Aber kommen wir zum eigentlichen Thema.

Unsere Dozentin fragte in die Runde, wie lange wir uns für einen durchschnittlichen „Wickelvorgang“ Zeit nehmen würden, bzw. sollten. Ich beantwortete diese Frage mit: „2-3 Minuten, wenn ich es drauf anlege, schaffe ich es auch deutlich unter einer Minute, genauer gesagt in 38 Sekunden.“  „Sie haben die Zeit gestoppt?“ Kam entrüstet das Kommentar von links. „Ja, sagte ich, klar, ich bin ein Mann.“ Das war eigentlich ein Witz, fand aber irgendwie gar keiner lustig. Die Dozentin sah mich mitleidig an und sammelte weitere Zeitangaben ein. Als sie jedoch sagte: „Ein durchschnittlicher Wickelvorgang sollte 20 Minuten dauern„, muss in meinem Gesicht das Entsetzen gestanden haben.

„Das können Sie nicht ernst meinen!?!“ war meine prompte Reaktion. 20 Minuten je Windel? Da bin ich ja drei Stunden am Tag nur am Wickeln. Doch, es war ihr ernst. Um dies zu untermauern, führte sie beispielhaft einen optimalen Wickelvorgang vor und zeigte uns anschließend folgendes Lehrvideo:

 

Nachdem wir den Lehrfilm beendet hatten, fragte sie in die Runde, wer nun von dieser Methode überzeugt ist. Die Antwort fiel 10:1 aus, zehn Frauen sagten „JA“, der einzige Mann (also ich) sagte vehement „NEIN!“

Habe ich oben geschrieben, dass ich nicht vielen in der Gruppe mein eigenes Kind anvertrauen würde? Diese Zahl hat sich inzwischen auf Null reduziert.

Die Begründung für einen zwanzig minütigen Wickelvorgang, wurde mit der optimalen Entwicklung der „Bindung“ zum Pflegekind gerechtfertigt. Sorry, Leute, diese Wickeltechnik wurde für KINDERHEIME entwickelt. In Kinderheimen ist es, wie auch in Pflegeheimen für Senioren, üblich, dass das Personal nur die eigentliche und sehr kurze Pflegezeit zur Verfügung hat, um Aufmerksamkeit für den betreuten  Menschen aufzubringen.
Ich halte es für totalen Quatsch dies auch zu Hause anzuwenden. Mein Sohn hat 12 Stunden am Tag meine volle Aufmerksamkeit, mindestens. Ihm macht das Wickeln keinen besonders großen Spaß, mir auch nicht, je schneller das vorbei ist, desto besser. Dann kann er wieder Dinge machen, die ihm besser gefallen. Auch ein Tageskind bekommt mehrere Stunden Aufmerksamkeit von mir, da ist das sicher auch nicht nötig. Erschwerend kommt hinzu, dass ich als Mann sicher keine 20 Minuten ein Kind wickle, ohne dafür seltsam angesehen zu werden. Ich würde mich jedenfalls ernsthaft fragen, was der Typ da eigentlich macht. Bisher bin ich von dem pädagogischen Ansatz überhaupt nicht überzeugt, mal sehen, ob das noch besser wird.

Was nun mein pädagogisches Konzept angeht, so schreibe ich demnächst einfach rein, was ich NICHT machen werde, ist vermutlich einfacher. 🙂

 

6 Gedanken zu „20 Minuten#8220;

  1. Treffen sich zwei Sozialpädagoginnen, sagt die eine:

    „Ich habe meinen Sohn die letzten zwei Jahre ausschließlich nach der Pickler-Methode gewickelt und heute hat er seinen ersten, zusammenhängenden Satz gesagt!“

    „Und?“ fragt die Andere, „Was war es denn?“

    „Halt die Klappe Alte und wehe du riechst wieder an meinen Füßen!“

  2. Nach vielen Monaten als Tagesvater, hat sich meine Einstellung zur Wickeltechnik nach Pickler nicht geändert, andere pädagogische Elemente dieser Richtung halte ich aber für sehr hilfreich.

  3. Ich denke, dass die Individualitäten eines Kindes beim Wickeln auch eine Rolle spielen. Habe bislang noch nie etwas von der Wickeltechnik nach Pickler gehört, aber unsere Tochter findet es immer toll auf dem Wickeltisch zu liegen und sich mit uns zu unterhalten oder ein wenig gekitzelt etc. zu werden.

    Nun machen wir das auch nicht bei jedem Wickeln und wenn ein Kind das Windeln wechseln so gar nicht mag, ist das mit Sicherheit auch nicht der optimale Weg, ich würde es aber nicht gänzlich ausschließen, dass Kinder es schön finden, wenn der Wickelvorgang sich nicht nur auf reines Windeln wechseln beschränkt. 😉

  4. Vielen Dank, das hat mich heute zum Lachen gebracht, als ich es gelesen habe… so nach 20 Minuten. Stecke z. Z. auch in dem Qualifizierungskurs und trage mich mit ähnlichen Gedanken. Obwohl ich Emmi Pikler wirklich was abgewinnen kann, es stimmt, es ist eine andere Situation in Heimen. Das Pflegepersonal muß zudem nicht kochen (Köche oder einer abbestellt) und den übrigen Haushalt schmeißen.

    • Endlich ist mal jemand mit mir ein Meinung. 😉

      Andere pädagogische Ansätze von Frau Pikler sind ganz hervorragend, das „Lass es mich selbst tun“-Prinzip ist in meiner Erziehung definitv ein fester Bestandteil.

      • Ja, sicher, und wenn man genau hinschaut, merkt man auch, daß dieser Wunsch nach „Ich kann das selbst“ sich schon sehr früh äußert. Ich habe bisher noch kein Buch von Emmi Pikler gelesen, einzig den Wikipedia-Eintrag, der aber schon ein paar Hinweise gab (publizierte Bücher). Wenn Sie möchten, schreiben Sie mir doch eine E-Mail. Ich wäre sehr an einem Austausch interessiert, da es mich freut, daß jemand eine ähnliche Einstellung hat. (Stichwort „Herz für Kinder“) Ich hatte gestern wirklich Spaß an der Lektüre der Beiträge zum Kurs.

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