Unter den eigenen Verhältnissen leben?

Vor einigen Tagen las ich durch Zufall einen Artikel bei „Zeit-Online“ mit dem Titel:

Wozu der ganze Stress.“

Dieser Artikel beleuchtete etwas, was mich seit mindestens fünf Jahren beschäftigt und es auch heute noch tut. Er ging der Frage nach, ob Familien wirklich so oft auf zwei Einkommen angewiesen sind, wie es einem die Statistiken zeigen. Da bei uns je nur ein Elternteil arbeitet und der andere „nur“ zu Hause ist, haben wir für uns ja schon klar gestellt, dass wir mit einem Einkommen gut zurecht kommen können. Nach allen üblichen Definitionen gehören wir dabei ganz klar „nur“ zur „Mittelschicht“.

„Früher reichte ein Gehalt, um eine Familie zu ernähren. Heute braucht es zwei, heißt es. Aber stimmt das wirklich?“ Zeit-Online

In unserem Freundes- und Bekanntenkreis sind wir damit aber eher die Ausnahme, in den meisten Fällen geht der Partner zumindest einem Teilzeit-Job nach, einige haben auch die Doppel-Teilzeit-Lösung, eine Variante, die auch uns prinzipiell vorgeschwebt hat, aber nicht umsetzbar war. Ich will jetzt gar nicht weiter darauf rumreiten, der Artikel ist ganz gut geschrieben und mit vielen Zahlen versehen, ich brauche das ja nicht zu wiederholen.

Mir geht es um eine andere Frage, die auch dem Artikel entstammt: „Wäre es wirklich so schlimm auf dem Niveau der 80er-Jahre zu leben?“

1987

„[…] die Ansprüche sind gewachsen, und die meisten Menschen vergleichen sich nicht mit ihren Großeltern […], Sie vergleichen sich mit Menschen aus ihrem heutigen Umfeld.“

Ich bin mir sicher, wenn ich meine Eltern frage, waren die 80er die goldenen Jahre ihres Lebens, verbunden mit einem sehr hohem Lebensstandard, auf jeden Fall höher als heute, wo beide im Rentenalter sind. Der Lebensstandard im Allgemeinen ist eindeutig heute höher als vor dreißig Jahren, die Zahlen im Artikel lügen ja nicht.

Der Artikel folgert, wie ich finde zurecht, wer heutzutage unter seinen Verhältnissen lebt, erspart sich eine Menge Stress und könnte auch auf das zweite Einkommen verzichten. Aber wer will schon unter seinen Möglichkeiten bleiben?

Wenn man diesen Satz in Suchmaschinen eintippt, findet man entweder Seiten zu „Geldanlage und finanzieller Sicherheit“ oder zu „Nachhaltigkeit und Minimalismus“, auf den ersten Blick eher ein Widerspruch, zumindest für mich. Denn Minimalisten wollen meistens nicht reich werden, aber oft unabhängiger, und genau da ist die Schnittstelle.

Wer weniger ausgibt, als er einnimmt, hat Geld übrig und damit muss ja irgendwas passieren.

Lustig, dass ausgerechnet die Menschen, die planmäßig reich werden wollen, zufällig nachhaltiger leben, als die meisten anderen. Umgekehrt werden ausgerechnet die Leute, die den Planeten (und sich selbst) retten wollen, oft nebenher zusätzlich finanziell reicher.

Wir sind ganz sicher keine Minimalisten, um das zu beweisen, brauche ich nur den Keller zu betreten. Aber viele Konzepte in dem Zusammenhang finde sehr gut und auch sinnvoll, allerdings hatte das mit der Entscheidung, dass einer zu Hause bleibt rein gar nichts zu tun.

Wir wollten vor allem Ärger und Stress vermeiden, eben nicht zu „wandelnden Terminkalendern“ mutieren, nicht immer mit dem Blick auf die Uhr arbeiten, wann man jetzt los muss, um das Kind von A nach B zu bringen. Wir wollten nicht auf Oma und Opa oder externe Dienstleister angewiesen sein. Jeder weiß, das Kinder bei Großeltern innerhalb kürzester Zeit wieder auf Werkseinstellung zurück gesetzt werden, mit allen Nebenwirkungen.

Wir wollten die Möglichkeit haben, wenn das Kind krank wird zu Hause zu bleiben, ohne dem Arbeitgeber erklären zu müssen, warum das schon wieder passiert. Demnächst ist einer zu Hause, wenn unser Kind mittags aus der Schule kommt, und wir finden das gut so. Das wir die Möglichkeit haben, ist aber nicht selbstverständlich.

Wir machen dafür auch einige Dinge ganz bewusst nicht, wir schränken uns ein. Die Einschränkung ist dabei freiwillig, wir könnten ja beide arbeiten gehen.

Flugreisen als Familie kommen für uns nicht in Frage, der „große Urlaub“ geht im Zelt auf einen Campingplatz und nicht in ein „Alles-Inklusive-mit-Kinderbespaßung-Hotel“.
Wir fahren keine teuren Autos, der kleine Zweitwagen steht auch schon länger zur Diskussion, wir haben ihn beinahe nur noch aus Gewohnheit, die monatlichen Kosten sind mittlerweile so niedrig, dass wir eher weiter am Strombedarf sparen sollten, um Kosten zu senken. Die täglichen Besorgungsfahrten erledige ich stets mit dem Rad, eigentlich nicht um Sprit zu sparen, aber es ist ein Nebeneffekt. 40 bis 50 Euro sind das vorher im Monat gewesen, das sorgsam geführte Haushaltsbuch hat es genau erfasst.
Flatrates für Smartphones? Haben wir nicht, unsere Handyrechnung beträgt im Schnitt 3,57 Euro im Monat, für alle Mobiltelefone zusammen. Zwei oder mehr Fernseher, einer am besten nicht kleiner als 50″? Haben wir auch nicht. Jedes Teil, was kaputt geht, wird erst versucht zu reparieren, wenn das nicht geht, wird erst geprüft, ob wir es wirklich ersetzen müssen und wenn ja, ob das auch gebraucht geht. Möbel kaufen wir grundsätzlich lieber gebraucht.

Wir haben keine Putzhilfe, keinen Babysitter und es kommt auch keiner vorbei die Fenster zu reinigen, damit gehören wir in unserem Umfeld zu den Exoten. Am Haus mache ich Kleinreparaturen möglichst selbst, ich bin aber kein Heimwerker, ich mag das absolut nicht, aber jemanden kommen lassen, um eine Lampe anzubringen? Sicher nicht.

Zufällig ist das zumeist im Sinne des Minimalismus und der Nachhaltigkeit, aber die Ursache liegt darin, dass ich zu Hause und ein „Sparbrötchen“ bin.

Wir machen das alles übrigens sehr gerne, denn was wir dafür bekommen ist viel Zeit mit unserem Kind.

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