5 Apr

Ein Griff in die Mottenkiste

Reihenhäuser in China, die Gerüste sind übrigens aus Bambus.
Reihenhäuser in China, die Gerüste sind übrigens aus Bambus.

Bevor ich mit dem Blog „Vollzeitvater“ vor beinahe fünf Jahren begann, schrieb ich für meinen letzten Arbeitgeber das Firmenblog. Dieses Blog ist leider nicht mehr online, aber einige Texte möchte ich gerne irgendwie erhalten und habe daher vor über die „Wayback-Machine“ einige meiner liebsten und recht privaten Erinnerungen zu restaurieren, die Fotos werden aber wohl auf jeden Fall verloren sein.

Diese Artikel habe ich im Jahr 2007 und 2008 nach meinen Reisen zu Spielwarenmessen in Shanghai, Beijing, Hong-Kong und Shenzhen geschrieben. Also bevor ich Vater wurde und bevor ich 2011 in Elternzeit ging. Die Artikel erzählen von meinen Erfahrungen in China, ich finde diese aber durchaus unterhaltsam. Für aktuelle Leser meines Blogs ist es vielleicht ein netter Einblick in mein Leben, bevor ich Hausmann wurde.

Hier meine geretteten Artikel aus grauer Vorzeit:

„Das doppelte Hotel“

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Ich fliege jedes Jahr bis zu dreimal nach Asien, um die verschiedenen Modellbaumessen zu besuchen. Die Spielwaren-Messe in Shanghai ist sehr übersichtlich, aber auch meist am interessantesten. Ich kenne mich im Bereich um die Messe gut aus, und weiß inzwischen auch, wo man lecker essen und in Ruhe einkaufen kann.

Als ich das letzte mal in Shanghai war, hatte ich am Anreise-Tag noch etwas Zeit vor dem ersten Geschäftstreffen. Also überlegte ich mir, eine Runde an der “frischen” Luft zu drehen. Dazu muss man wissen, Shanghai ist groß, sehr groß.  Zur Stadt zählen ca. 19 Millionen Bewohner, wobei nur gut 14 Millionen registriert sind. Kaum ein Haus in der Innenstadt hat weniger als 25 Etagen, die Stadtautobahn verläuft ungefähr auf dem 6.-8.  Stockwerk.

Aber mich kann ja nichts schrecken, eine Runde um den Block ist bestimmt interessant.

Dass es eine echt doofe Idee war, wurde mir nach wenigen Minuten klar: 32 Grad Celsius, 100% Luftfeuchtigkeit und keine Wolke am grauen Himmel und ich im schwarzem Hemd. Super Idee von mir.

Ich dachte mir, drei mal die erste Möglichkeit rechts abbiegen, dann stehe ich wieder vor dem Hotel. Genau so machte ich es auch. Nach 1,5 Stunden (!) war ich wieder im Hotel, ging auf meine Etage und versuchte in mein Zimmer zu kommen. Keine Chance, die Karte zeigte dauernd rot. Mist, schon wieder defekt das Teil. Ich wollte nur noch duschen und war echt genervt. Also runter zur Rezeption und munter drauf los geschimpft, wie es sich für eine gute „Langnase“ gehört.

Die Antwort des Concierge brachte mich, sehr überrascht, zum Schweigen:

“Mr. Guido, you are in the wrong Hotel.”

Mein Gesicht hätte ich in dem Moment gerne selbst gesehen. Das konnte doch gar nicht sein. Das gleiche Gebäude, die gleiche Lobby, der gleiche Steinboden, der gleiche Teppich auf den Etagen, der gleiche Weg zu meiner Tür. Alles gleich.

Ich ging noch einmal raus, entfernte mich einige Meter und da war es: Das doppelte Hotel. Im Hintergrund sah ich mein richtiges Hotel, es sah tatsächlich identisch aus. Es stand, “spiegelverkehrt”, einen Block weiter hinten – ich hatte mich irgendwie verlaufen. Die Hotelkette baute, praktisch nebeneinander, exakt zweimal ein Hotel mit gleichem Aussehen, innen wie außen.

Wer rechnet denn mit so was?

„Fettnäpfchen in China elegant umgehen, Teil 1“

Da gibt man sich echt Mühe vor der ersten China-Reise, liest viele Ratgeber, um möglichst wenig falsch zu machen und dann stellt man fest, in den Büchern steht nicht einmal die Hälfte von dem, was man eigentlich wissen sollte. Ich habe hier in Deutschland einen Chinesisch-Kurs für Anfänger besucht, nicht um mit meinen Geschäftspartnern zu sprechen, sondern um vielleicht mal dem Taxifahrer sagen zu können, wo ich hin will. (Die Taxifahrer sprechen eigentlich grundsätzlich kein Englisch). In diesem Kurs an der VHS habe ich von einer Muttersprachlerin Unterricht bekommen.

Unter anderem lernt man praktische Sätze wie: “Wo yao …” (Ich möchte…). Dann kann man gut ergänzen: mit Gemüse (cai), Reis (fan), Fisch (yupian) u.s.w.

Also probierte ich es aus, beim Geschäftsessen in lockerer Runde im Restaurant wandte ich mich an die Bedienung:  “Wo yao fan.”

Plötzlich wurde es im ganzen Saal absolut ruhig. Alle starrten mich auf einmal entgeistert an. Nach ca. drei Sekunden, die mir wie eine Ewigkeit vor kamen, fingen alle an zu lachen. Ich hatte keine Ahnung warum. Was kann man mit: “Ich möchte Reis” falsch machen?

Mein Dolmetscher klärte mich auf. “Wo yao fan” heißt frei übersetzt: “Haste mal ‘nen Euro?”

Na prima, ich hatte gerade die Bedienung an-geschnorrt.

Richtig heißt es übrigens: “Wo yao mi fan”

Als mein Reis da war, steckte ich erst einmal die Stäbchen rein – schon wieder entsetzte Gesichter.

 

„Fettnäpfchen in China elegant umgehen, Teil 2“

Im ersten Teil der Serie habe ich über einen sprachlichen Fehlgriff berichtet, der mir bei einem Geschäftsessen passierte. Da die Geschäftsessen einen noch höheren Stellenwert haben, als es im europäischen Kulturkreis üblich ist, sollte man auf Tischmanieren besonderen Wert legen. Es gibt eine ganze Reihe Verhaltensweisen, die einem Deutschen seltsam vorkommen, die aber völlig normal und üblich sind. Man darf sich dadurch nicht irritieren lassen und, auch wenn die eigene Erziehung dagegen rebelliert, darüber hinwegsehen oder, das ist noch besser, mitmachen. Wie kann man besser zeigen, das man die kulturelle Verständigung ernst nimmt?

Was üblich ist:

  1. Aufstoßen
  2. Schmatzen
  3. Schlürfen, insbesondere Nudeln und Suppen
  4. Rauchen am Tisch, das ist man als Deutscher kaum noch gewöhnt, aber in China absolut legitim
  5. Zähne reinigen, Zahnstocher liegen in chinesischen Restaurants eigentlich auf jedem Tisch
  6. Knochen, Gräten auf den Tisch legen, wohin auch sonst? Da kommen wahre Berge zusammen, in China wird alles einfach zerhackt, quer durch, mit Knochen. Frösche allerdings werden zum Beispiel am Stück serviert: schmecken wie Hühnchen, nur ist am Frosch weniger dran.

Umgekehrt kann, was für uns normal ist,  für Chinesen abstoßend wirken.

Bloß nicht machen:

  1. Nase schnäuzen / putzen
  2. Ein gebrauchtes Taschentuch sehen lassen oder gar zurück in die Hosentasche stecken – WI-DER-LICH
  3. Stäbchen in den Reis stecken, das erinnert an Opfer im Tempel.
  4. Das Glas ganz austrinken, ohne dazu aufgefordert worden zu sein. Passiert eher selten, die “Ganbei!” Rufe werden regelmäßig ertönen, keine Sorge.
  5. Sich selbst Alkohol nach gießen, oje, das passiert mir immer wieder.
  6. Essen ausspucken oder sich darüber abfällig äußern, immer tapfer Schlucken, man überlebt auch “Tausendjährige Eier”, “Stinky Tofu” und “gekochte Rindersehnen

 

„Tagesablauf einer China-Reise“

Die letzten Jahre haben ich meinen Geburtstag immer im Flieger “gefeiert”, da grundsätzlich eine Messe auf diesen Termin gefallen ist, meistens die Beijing/Peking Messe. Dieses Jahr wäre es die Spielwaren-Messe in Shenzhen gewesen. Ich habe diese Reise jedoch abgesagt. Eventuell fliege ich im November noch einmal nach China. Die aktuellen Bestellungen hängen dem Zeitplan mächtig hinterher, daher hatte eine Reise im September keinen Sinn mehr. So freue ich mich wenigstens schon so richtig auf meinen Geburtstag: Endlich mal wieder zu Hause feiern. Gerade war ein Kunde hier, der sagte: “Och, Sie Armer, keine schöne Reise nach China für Sie!”

Als ich dann erklärte, wie so ein üblicher Tagesablauf aussieht, relativierte er seine Aussage. 😉

Es ist ja nicht wirklich so, dass ich mir dort viel Zeit für Sightseeing nehmen kann. Hier mal ein üblicher Tagesablauf in China:

  1. 7:30 Uhr aufstehen, ich brauche morgens etwas länger
  2. 8:00 Uhr ausgiebiges Frühstück, das muss sein
  3. 8:30 Uhr auf zur Messe (oder zu einer Fabrik)
  4. 9:00 bis 9:30 Uhr an der Messe, je nach Stau und Taxifahrer
  5. Bis ca. 17:00 Uhr ohne Pause durch (Hunger hat man wegen der Zeitverschiebung dann eh nicht)
  6. 18:00 Uhr frisch machen im Hotel,  immerhin sind es in Süd-China meistens eher 30° und kurz die Mails checken
  7. 19:00 Uhr auf zum Geschäftsessen, das auch wirklich eines ist
  8. 22:30 Uhr zurück im Hotel
  9. Ab 23:00 Uhr E-Mails an die Kollegen in Deutschland schicken, denn die sind ja gerade mitten in der Arbeit
  10. 2.00 Uhr nachts, jetzt einen Versuch starten zu schlafen. Früher geht es meist ohnehin nicht (Jet-Lag), morgens ab 7:30 Uhr geht es wieder los.

Oft bin ich nur eine Woche in China, inkl. Anreise- und Abreisetag, das heißt fünf Tage in diesem Stil durchackern, grundsätzlich über ein Wochenende. Der Jet-Lag ist dann schon heftig. Bei “einem Flug ostwärts ist es so, als wäre man die Nacht über wach geblieben, aber erst um 14.00 Uhr zu Bett gegangen, also 16 Stunden später als gewöhnlich”. Der Drang zu schlafen ist dann schon enorm, blöd nur, wenn man zum Arbeiten da ist, denn ich komme üblicherweise gegen 10:00 Uhr im Hotel an. Allerdings lege ich mir auf den Ankunftstag nur Termine am Abend und nutze den Tag, um die folgenden Messe-Tage zu planen und die weiteren Termine abzusprechen.

Oft trifft man auch “Kollegen” aus Europa anderer Firmen im gleichen Hotel, mit denen man einen Tee trinken kann. Da unsere Firma bisher praktisch nur in Deutschland vertreten ist, kann man recht angenehm Erfahrungen austauschen und etwas über die Märkte in anderen Ländern erfahren. Spanier, Franzosen und Engländer besuchen die gleichen Messen wie ich und sind immer interessante Gesprächspartner. Mittlerweile kennt man sich und trifft sich so fast jedes Jahr wieder, die Branche ist ja eher klein.

Von den aktuellen “Top 10″-Sehenswürdigkeiten in China kenne ich aber zumindest sechs vom Vorbeifahren (fett markiert), immerhin. Mehr Zeit nehme ich mir sehr, sehr selten, denn wer geht schon gerne alleine auf Tour?

  • Kaiserpalast in Peking
  • Bund / sehr schöne Uferpromenade in Shanghai, fast so schön wie in Düsseldorf
  • Sommerpalast Peking, riesiges Gelände mit dem Mittelpunkt der Erde.
  • Tian’anmen-Platz des Himmlischen Friedens, da fährt jedes Taxi dran vorbei
  • Chinesische Mauer, ist leider außerhalb vom Beijing
  • Westsee in Huangzhou, da komme ich sicher noch mal hin, einige unserer Fabriken sind ganz in der Nähe
  • Yu Yuan, uralter Palastgarten in Shanghai, klein, erstaunlich ruhig und hübsch
  • Himmelsaltar Tiantan in Peking, die Anlage an sich ist interessanter als der Tempel
  • Terrakotta-Armee Mausoleum Qin Shihuangdis, da komme ich wohl nie hin
  • Jin-Mao-Gebäude in Shanghai, riesiges 421 m hohes Hochhaus, sehr beeindruckend, selbst für chinesische Standards, wo kaum ein Gebäude unter 30 Etagen hat.

Mit Urlaub hat das grundsätzlich nichts zu tun, auch wenn mir meine lieben Kollegen das immer wünschen.

Alle, wirklich alle, chinesischen Fabriken schließen im Januar für mehrere Wochen. Dies sind dann sozusagen Betriebsferien für jeden. Vorher sind die Auftragsbücher voll und möchten abgearbeitet werden. Das ist die letzte, sinnvolle Möglichkeit die Bestellungen zu besprechen und Kontakte zu pflegen. Die nächste Messe findet dann ab April wieder statt, vorher lohnt sich eine Reise meistens nicht. Auch wir versuchen alle Bestellung vor Weihnachten abzuwickeln, bisher hat es immer irgendwie geklappt.

 

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